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Wednesday, 13 December 2017
 
 
Tanzbär in Japan | Drucken |  eMail


259 Stunden Drehorgelspiel in Japan


Erlebnisbericht von Daniel Widmer, Basel

Jetzt auf dem Heimflug von Japan (mit Swissair MD 11) schreibe ich an diesem Bericht. 259 Std. Drehorgelspiel in der kleinen „japanischen“ Schweiz oder im Freizeitpark der „Rindoh-Ko Family“ in Nasu Kogyo (ca. 180 km nördlich von Tokyo). Noch vor meiner Abreise am 6.10.1999 bat mich Ruedi einen Bericht zu schreiben, was ich auch immer vor hatte, aber es ist jetzt schon einige Zeit vergangen bis dieser Bericht fertig wurde.


Nun gut - alles begann am Drehorgelfestival in Sarnen wo ein Japaner unsere Postkarte mit den Worten: „Ist da Adresse drauf ?“ in Empfang nahm. Am Sonntag Morgen klingelte das Telefon und es meldete sich ein Herr Ohaschi. „ Möchten Sie gerne 4 Wochen in Japan Drehorgel spielen“ fragte er mich, „Warum nicht!“ antwortete ich Ihm. Dann erklärte er mir: „Frau können Sie nicht mitnehmen“ und „Orgel haben wir schon“. Weiter erklärte er mir dass, der Ort des Geschehens ein Vergnügungspark der „Die kleine Schweiz“ heisst ist und das dies eine Tochterfirma einer japanischen ***** Hotelkette ist, sowie alle Konditionen.


Übernommen wurde die Reise, Unterkunft und die ganze Verpflegung sowie die Betreuung vor Ort. Weiteres erhielt ich per Email und den Park konnte ich mir im Internet unter www.rindo.co.jp ansehen. Die Orgel war eine 20/31-er Deleika mit Intarsien-Gehäuse die vor ca. 10-12 Jahren 1 Mio. Jen (heute ca. CHF 14'000.-) gekostet hat! Nun weiter im Text - für Japan benötigte ich viele Formalitäten: Vertrag, Visa, Arbeitsbewilligung, Fotos, musikalischer Lebenslauf, Vollmacht, Einreisebewilligung etc.; die Japaner sind noch viel die grösseren „Bürolisten“ wie wir Schweizer. Da wir im August in den Ferien weilten, verzögerten sich die Erledigungen der Formalitäten und Herr Ohaschi wurde schon ganz nervös, doch es klappte alles minutiös. Hier möchte ich mich noch bei meinem Arbeitgeber dem Basler Sanitätsdepartement und meinen Mitarbeiten bedanken die Ihr Einverständnis für meinen unbezahlten Urlaub von 4 Wochen gaben. Sowie meiner lieben Frau Esthi, dass ich Sie so lange alleine lassen durfte - d.h. sie hatte 5  Wochen Ferien von mir.


Nun weiter: Am Mittwoch 6.10.99 abends flog ich von Zürich-Kloten aus mit einem Jumbo der Japan Airlines nach Tokyo (11  Std. Flug und 7 Std. Zeitverschiebung voraus) d.h. Ankunft am Donnerstag 7.10.99 um ca. 18.00 Uhr. Am Flughafen Narita wurde ich von Frau Joko Kazawa und Chauffeur abgeholt. Mit einem Rindo-Ko Kleinbus fuhren wir ca. 3  Std. an Tokyo vorbei ins Zielgebiet, das Naherholungsgebiet mit dem Namen Nasu welches mit unserem Juragebirge vergleichbar ist. Dort angekommen zeigte Joko mein 2 ? Zimmer Appartement (Bad/WC/Küche), natürlich japanische Verhältnisse alles etwas klein, Tatami-Bodenbelag (Schilfmatte) welcher man nur mit Hausschuhen begehen darf, und ein Futon-Bett (= Matratze auf dem Boden) aber sonst nett.


Am Freitag hatte ich noch frei (das fast letzte Mal für 37 Tage) ich erkundete die Provinz Ortschaft Kurioso-City welche etwa 50'000 Einwohner hat. Aber alles war in japanisch Angeschrieben und ich verstand nur Bahnhof, neu war auch für mich dass die Japaner Linksverkehr haben. Samstag 9.10.99 erster „Arbeitstag“ Yoko holte mich ab und zeigte mir was wo und wie ist. Die Rindo-Ko Bus Haltestelle Kurioso 08.15 ab (ca. 15 - 20 Min. Fahrt bis in die kleine Schweiz), dann das Bürogebäude, meine Künstlergarderobe, die Restaurants in den ich Essen durfte, und zu guter Letzt das Instrument. Leider musste ich bald feststellen, dass ich das Vergnügen mit einer Gurke von einer Drehorgel hatte; d.h. Klang, Stimmung und Lautstärke i.O. aber Luftverlust bei Melodien die einen grösseren Bedarf an Luft haben eierte die Melodie oder man erkannte die Musik gar nicht. Im weiteren waren die Hälfte der ca. 50 Rollen in schlechtem Zustand z.B. am Rand eingerissen, die Löcher durchgebrochen, so dass ich nur etwa 20 -25 Bänder (ohne Weihnachtsmusik) spielen konnte. Das wiederum hiess, dass ich jeden zweiten Tag die gleichen Rollen spielen musste und bei ca. 6 ? - 7 Std. Arbeitszeit bedeutet das dass ich jedes Band ca. 4 Mal täglich spiele.


Kleines Zahlenspiel: 37 Tage bei. 6 - 7 Std. „örgeln“ à 40 Rollen = ca. rund 1600 Rollen

Gott sei Dank habe ich noch 4 Rollen Schweizer Melodien eingepackt, bei welchen die Musik sogar gut erkennbar klang. Auch der Wagen war nicht die gewohnte Qualität sondern ein Modell „klapprig“ und ich war sehr froh dass er die Zeit gut überstand und nicht auseinander fiel.


Abends nach Arbeitsschluss brachte mich der Bus wieder nach Kurioso zurück und der ca. 5 minütliche Fussweg führte mich am Restaurant P?ele vorbei wo ich abends mein Nachtessen serviert bekam. Die Wirtsleute Osami (Küchenchef) und Mayami (Service) stillten nicht nur meinen Hunger und Durst sondern sie waren auch für meine Seelenpflege zuständig. Sie sprechen beide , für japanische Verhältnisse, gut englisch und haben grosse Erfahrung mit Schweizern, denn alle Künstler sei es Ländlerkapellen, Alphornbläser, Bildhauer etc. sowie solche Drehorgelmänner essen abends bei Ihnen. Hier muss ich ein grosses Kompliment beifügen, in den 38 Tagen an denen ich dort verwöhnt wurde erhielt ich nie zweimal das Selbe.


Und immer Salat od. Suppe od. Vorspeise dann den Hauptgang und nachher Obst od. Dessert, dazu ein Getränk nach Wahl. Sogar an Ihrem Freitag fuhren sie mit mir in grosse Einkaufszentren oder in die heissen Quellen genannt Honseng.


Anschliessend an das Abendessen machte ich meist noch einen Verdauungsspaziergang durch die Ortschaft bis ich dann im Appartement noch etwas japanisches Fernsehen sah . Dazu trank ich jeden Abend einen kleinen Whisky, was zu meinem „Bleibe-Gesund-Programm“ gehörte sowie auch das Glas Orangensaft am Morgen. Wie auch täglich viel Obst, Salat und Gemüse und immer genügend Schlaf. Das Programm sah also jeden Tag gleich aus: 07.00 Uhr aufstehen, Frühstück, Busfahrt, ab 09.00 - 13.00 Uhr orgeln dann Mittagessen und an 14.00 bis ca. 17.00 Uhr wieder aufspielen, Bus zum Appartement, duschen, Handwäsche oder in die Chem. Reinigung gehen (da ich nur 20 Kg Gepäck mitnehmen durfte musste ich mich Wäsche technisch gut organisieren), dann Abendessen .... und so weiter.....siehe oben. Es fehlte mir ein Partner zum Jassen, Witze erzählen, zum „Schwyzerdütsch schnurre„ oder für einen Plausch so waren die meisten der 38 Abende etwas eintönig, darum war vielfach um ca. 21.00/21.30 Uhr Nachtruhe. Ein Lichtblick war jeden Morgen wenn der Bus in Rindo-Ko angekommen war, durfte ich gross zügiger weise an einem der Computer per Internet Schweizer Zeitungen wie Basler Zeitung, Blick etc. lesen. Und zwischen durch erhielt ich ein Email von meinem Büro Stellvertreter. Da die Telefonverbindungen aus Japans Telefonkabinen sehr umständlich sind und die internationalen Telefone in dieser Ortschaft nur mit Münzen funktionierten und Ferngespräche teuer sind, musste ich mir mit Fax aushelfen.


Esthi durfte mich dann abends von zu Hause im Restaurant anrufen - unsere arme Swisscom muss ja auch etwas verdienen!


Nun noch zum Freizeit- und Erlebnispark Rindo-Ko / Die kleine Schweiz: er liegt in einer Jura ähnlichen Gegend (im Herbst werden die Blätter der Nasu Wälder sehr sehr bunt, viel bunter als bei uns) das Gelände hat als Zentrum einen künstlichen See auf dem man Pedalo fahren kann, um den Park fahren kleine Züge (Train Touristique), es hat eine Go-Kart-Bahn, einen Grindelwald-Run, sowie eine „Schwizer“-Zahnradbahn zum grossen Bauernhof wo Milchprodukte hergestellt werden. Dort kann man auch versuchen Kühe zu melken, Kälbli und Ponys streicheln, Pferde reiten, eine tägliche Attraktion ist um 14.00 Uhr ein Alpaufzug genannt „Cow Race“, eine Karate-Show oder wie aus Rahm Butter wird. Bingo wird gespielt, Degustationsstände mit Wein, Käse und Backwaren laden ein, sowie diverse Restaurants, Snacks, Verpflegungsstände und natürlich viele Souvenirs (von Butter bis zum Kitsch - von der Schweiz bis zu China). Bei den Restaurants störte mich persönlich, dass der Rotwein eisgekühlt und das Essen meist lauwarm serviert wurde, doch das Schlimmste kommt noch: Im Restaurant „La Swiss“ werden zum „Gerber“-Fondue neben den Brotwürfeln noch Pommes frites im selben Körbli serviert !!!! An meinem letzten Arbeitstag erhielt ich noch einen freien Nachmittag. Wunschgemäss durfte ich noch das in der Nähe stehende mechanische Musikinstrumentenmuseum besichtigen. Wir wurden (ich war in Begleitung eines Rindo-Ko Managers) vom Direktor des Museums empfangen und begrüsst, er zeigte uns die Ausstellung und überreichte mir ein kleines Gastgeschenk. Die meisten Exponate stammen aus der Schweiz, nur ein kleiner Teil wurde in Japan hergestellt.


Nun habe ich beim Rückflug am 15.11.1999 diesen Bericht verfasst und so die Flugzeit von 15 Std.. Dies ist der längste Tag in meinem Leben, er hat 32 Std. (24 Std. + 8 Std. Zeit Verschiebung) gedauert. Beim ruhigen Rückflug ist es seit ca. 6 Std. Abenddämmerung, doch der wichtigste und grösste Eindruck der beiden Flüge war, da die Rute von ZH/Kloten - Hamburg - St. Petersburg bis Tokyo, ca. 80 % von 12 Std. Flugzeit bei ca. 860 km/h über russischen Boden geht, die Grösse dieses Landes.


Jetzt im Juli 2000 schreibe ich endlich diesen Bericht ins Reine, dabei komme ich aus einer zeitlichen Distanz zu einem positiven Schluss, dass die Zeit in Japan eine sehr unbedarfte Zeit und eine interessante Erfahrung war, trotzdem ich in der fernen und fremden Kultur Japans manchmal grosses Heimweh hat.

Auch jetzt im Jahre 2016 erinnere ich mich gerne an diese schöne Zeit in Japan zurück
und würde dieses oder ein ähnliches Engagement sofort annehmen. 

Daniel Widmer Basel  

 
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