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Tuesday, 11 December 2018
 
 
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Gekurbelte Musik

von Lucas Huber

In der Rubrik Ein-Blick gewhrt die Schweiz am Wochenende den Lesern Einblick in die Mikrokosmen unserer Gesellschaft. Die Redaktoren beleuchten lustige Vereine, angefressene Sammler oder abgedrehte Nerds. Natrlich kann sich melden, wer sich angesprochen fhlt.

Wer fragt, wie man mit einer Drehorgel umzugehen hat, erhlt eine plausible Antwort: Wie mit einer Frau: mit viel Gefhl. Der das sagt, heisst Daniel Widmer, trgt ein Feierabend-Kppli und hat stets einen Affen bei sich. Zumindest dann, wenn er auf seiner Drehorgel spielt. Und das ist nicht gerade selten der Fall. Und schon ist Drehorganist Widmer, 59-jhriger Siegrist, mittendrin im Schwrmen. Sein Zuhause in Binningen ist nmlich nicht nur Wohnung, sondern auch ein kleines Museum. Ein Drehorgelmuseum mit eigenem Orgelzimmer. Mit seiner Frau Esthi ist er der Drehorgel seit 33 Jahren verfallen.

Das erbrigt natrlich die Frage, was die Widmers fr das Instrument Drehorgel empfinden. Das ist nmlich mehr als Faszination, mehr als Hingabe, Verzckung und Leidenschaft. Wenn die Kirchenorgel die Knigin ist, sagt Daniel Widmer und lchelt sein charmantes Lcheln, dann ist die Drehorgel die Prinzessin. Diese Prinzessin hat eine genauso bewegte wie bewegende Geschichte. Sie ist die Urform mechanischer Musik und liegt dabei nicht nur der Konservierung und also Speicherung des Klangs zugrunde, sondern auch, zumindest vom Prinzip her, der Funktionsweise des Computers. So erklrt er das auch Kindern, die sich fr das Instrument interessieren. Wer also digital denkt, darf die Drehorgel getrost mitdenken.

Deren musikalisches Repertoire reicht vom traditionellen Volkslied bis zum Kirchenchoral, vom Walzer bis zum Musical und von klassischen Stcken, die Haydn und Mozart eigens fr den Leierkasten komponierten, bis hin zum Schlager. Helene Fischers Atemlos machte auch auf der Drehorgel znftig Furore. Doch das seien, erklrt Daniel Widmer, zumeist Strohfeuer.

Lediglich die Klassiker schaffen es, die sich ber die Generationen zu halten. Wie brigens auch die Instrumente, deren Preise bisweilen in astronomische Hhen steigen. Wenn das Ehepaar Widmer zu einem Treffen fhrt – ob in Thun, Berlin oder dieses eine Mal nach Japan – ist der Wert ihrer beiden Orgeln jedenfalls hher als jener des Autos, in dem sie gefahren werden – und zwar deutlich. Zurck im Museum der Widmers.

Das entstand, wie Dinge entstehen, wenn eins zum anderen kommt und zwei Herzen fr eine Sache brennen. Daniel Widmer wirft zehn Rappen in den Automaten, der einen am Eingang begrsst, eine Lochscheibe wird in Rotation versetzt, und der charakteristische Pfeifenklang ertnt. Das Gert stand einst in einem Restaurant, denn Drehorgelautomaten sind nichts anderes als die veritablen Vorgnger der Jukeboxes.

Die Basler Drehorgelfreunde, rund zwei Dutzend Enthusiasten, zu denen auch die Widmers gehren, pflegen ihr Hobby mit Herzblut. Einmal monatlich tauschen sie sich aus, fachsimpeln, schwrmen. Natrlich spielen sie auch regelmssig in Alters- und Behindertenheimen, in Kirchen oder an Kongressen. Und nun noch zum Affen. Der ist natrlich nicht echt. Doch seine Anwesenheit soll eben genau an jene Vorgnger erinnern, die tatschlich echt waren. Einst begleiteten nmlich abgerichtete Kapuziner- oder Rhesusaffen die Musikanten – als zustzliche Attraktion. Und zum Einsammeln von Mnzen. Denn die Drehorgel war einst das Instrument der Strassenmusiker schlechthin. Als Gaukler und Troubadoure zogen sie spielend durchs Land.

So spielt auch Daniel Widmer am liebsten: mit direktem Kontakt zum Publikum. Das hchste Gefhl sei, die Freude des Publikums zu spren. Und sie in ihren Augen zu sehen. Daniel Widmer ist OK-Prsident des Internationalen Drehorgel-Wintertreffens in Lausen, das am 28. Januar 2018 zum vierten Mal stattfindet. Nachdem sich der 60. Drehorganist angemeldet hatte, hat er einen Aufnahmestopp verhngt.

Lucas Huber

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Alles dreht sich um die Orgeln Im Gleichklang
von Meta Zweifel
Das Binninger Ehepaar Daniel und Esther Widmer sammelt Drehorgeln Daniel Widmer ist beim Basler Gesundheitsdepartement Leiter Hausdienst und Registratur, Esther Widmer arbeitet am Universittsspital als Ptissire. Das Paar wohnt bei Basel und teilt seit mehr als 25 Jahren das gleiche Freizeitvergngen: Drehorgeln sammeln und spielen.
Betritt man ihre Wohnung, erkennt man die Interessenlage der Widmers auf den ersten Blick. Schon im Flur steht eine wunderhbsch bemalte Drehorgel und an den Wnden versammeln sich Fasnachtsplaketten-Sammlungen mit gerahmten Drehorgel-Dokumenten von Festivals von Niederuster bis Berlin, von Gossau bis Wien. Daniel Widmer verhehlt nicht, den staunenden Besucher darauf hinzuweisen, dass ihn der bisher weiteste aller Auslandtrips 1999 nach Japan gefhrt habe. An einem Festival im innerschweizerischen Sarnen hatte sich eine Gruppe japanischer Touristen von Widmers Orgelklngen begeistern lassen. Tags darauf meldete sich ein Herr Ohaschi und lud Widmer zu einem sechs Wochen dauernden Auftritt in einem Vergngungspark mit dem sinnigen Namen "Die kleine Schweiz" ein. "Orgel schon da, aber Frau kann nicht mit-kommen", beschied der japanische Auftraggeber nicht eben freundlich. Den Impuls fr unsere Drehorgel-Leidenschaft hat Paul Schulze gegeben, das leider verstorbene Basler Drehorgel-Orginal. Ich engagierte Paul zu meinem 25. Geburtstag. Und bin dann sozusagen angekurbelt worden, erinnert sich Widmer. Nachdem er und seine Frau an einem Thuner Drehorgel-Festival die frhliche Kameradschaft unter den Drehorgel-Freunden erlebt hatten, stand der Entschluss fest, selbst ein Instrument zu erwerben und der Drehorgel-Gilde beizutreten. Heute knnen die Widmers in einem Zimmer eine ganze Reihe von Orgeln zeigen. Die Auswahl reicht vom Bauch-rgelchen bis zur konzertanten Orgel. Reich ist auch das Sortiment an Bndern, Platten, Walzen und Faltkartons, die "Software" – wie Daniel Widmer sagt –, mit der die Orgeln zum Klingen gebracht werden. Wer Drehorgeln besitzt, lernt auch Orgelbauer kennen und knpft so Kontakte ber die Grenzen hinaus. Die erste Drehorgel sei im 18. Jahrhundert von Johann Daniel Silbermann aus der berhmten Orgelbauerfamilie entwickelt worden. Vorlufer seien die "Serinetten" gewesen, die Vogelorgeln, mit deren Hilfe man in Kfig gehaltenen Vgeln melodises Zwitschern beigebracht habe.
Tanzbr und Tanzpppchen
Die Widmers treten meist als Paar auf. Sie orgeln aber nicht synchron. "Das braucht zu viel Training und Aufwand", so Esther Widmer. Sie ist vor allem begeistert von der Melodienvielfalt der Orgeln: "Unser Repertoire reicht von Chorlen bis zu Opern- und Operettenmelodien, vom ‹Phantom der Oper› und anderen Musical-Hits bis zu volkstmlichen Klngen oder Advents-und Weihnachtsliedern". Was immer gespielt werde, msse mit viel Gefhl fr den Rhythmus und die jeweils notwendige Luftzufuhr der Orgel interpretiert werden. "Man darf nicht einfach drauflos leiern". Esther Widmer ist die Gewandmeisterin im Team. Sie stbert auf Flohmrkten nach Teilen, aus denen sich zum jeweiligen Auftritt ein passendes Kostm zusammenstellen lsst. Stolz zeigt die rgelifrau eine Baselbieter-Winter-Sonntagstracht, die sie jngst geschenkt bekommen hat. Daniel Widmers Garderobe ist ebenfalls vielfltig, er kann als Graf Daniel, im Folklorestil, aber auch als "Santiglaus" oder als Kutscher auftreten. Oder er sorgt im Kunstpelzgewand und mit mchtiger Brenmaske als Tanzbr fr Furore. Esther Widmer hat frher Ballett getanzt, "und jetzt trete ich manchmal als Tanzpppchen auf, mit abgezirkelten Bewegungen, wie man dies bei manchen Figuren an Jahrmarktsorgeln sieht."
Vielfltige Publikumsreaktionen
Die Widmers spielen bei Apros, drehen an Hochzeitsfesten oder bei Vereinsanlssen die Kurbel. Vor einem Auftritt wird abgesprochen, welche Musikrichtung gewnscht ist, ob eher "Schacher Seppli" oder Offenbachs "Cancan", "Aida" oder "Radetzky-Marsch". Lachend erinnern sich die beiden an ihr Engagement bei einer grossen russischen Hochzeit in einem Basler Nobel-Hotel: "Zum Auftritt gehrte – man denke an die Symbolfigur des russischen Brs – der Tanzbr, der an einem Seil in den Saal gefhrt wurde. Die Gste waren begeistert. Aber das Hotelpersonal reagierte ungndig und fand, diese Darbietung passe nicht zur vornehmen Ambiance des Hauses."
Zur klassischen Drehorgel gehrt der Stoffbeutel, in dem frher der Orgelmann die gespendeten Batzen sammelte. Begeisterte Zuhrer lassen manchmal aus Spass ein Geldstck in den Beutel einer Widmer-Drehorgel gleiten. Daniel Widmer: "Einmal hat jemand die Mnzen aus dem Beutel geklaubt. Mit der Begrndung, wir bekmen ja schliesslich Gage." Wenn einer eine Drehorgel dreht, dann kann er was erzhlen.

Copyright Basellandschaftliche Zeitung Liestal 22.09.2007
 
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